Annamaria Fisler
Erziehungsberatung & Elterncoaching

Aktuelle Beiträge

Hilf mir, es selbst zu tun!

Lina Fuchs, linafuchs.ch, Februar 2015

bloglinafuchsbild.jpg

Ich bin Primarschullehrerin. Wir haben ein ziemlich schweres Buch, das uns vorgibt, was wir in der uns zur Verfügung stehenden Zeit zu behandeln haben. Fachliche Ziele, die erreicht werden müssen, sonst geigen uns dann die Oberstufenkollegen, Berufsschullehrer und Lehrbetriebe den Marsch. Die sogenannte Prügel-Orgel kommt in Gang: von oben nach unten, am Ende stehen die Kinder...

Unterdessen kann ich mit all den Plänen leben, grase aber gerne unter dem Zaun durch, wenn ich Inputs brauche für den Umgang mit Kindern, die mit all den gewichtigen Plänen nicht so recht klar kommen...

Darum habe ich im Januar an Annamaria Fislers Montessori-Workshop teilgenommen. Annamaria hat als anerkannte Montessori-Pädagogin während Jahren das Kinderhaus in Lenzburg geleitet. Einer der ersten Grundsätze der Montessori-Pädagogik besteht darin, das Streben des Kindes nach Unabhängigkeit von uns Erwachsenen zu unterstützen. Obwohl Maria Montessoris Pädagogik ein Jahrhundert alt ist, ist sie aktueller denn je:
Unsere Kinderzimmer quellen über vor Spielzeug, pädagogisch wertvollem und weniger wertvollem, Elektroschrott und China-Mist. Die Kinder kriegen viel und hängen am Ende dann doch nur an einigen wenigen Gegenständen.

Sie bringen iPhones und Co. zum Tango tanzen, tragen dafür bis zwanzig Turnschuhe mit Klettverschlüssen. Sie haben nie gelernt Schuhbändel zu binden. Rüebli schnätzle muss man nicht mehr, die gibt’s vorgekaut im Grossverteiler und der Schulweg wurde abgeschafft, da zu gefährlich...

Wenn dann doch mal keiner hinschaut, etwa weil die Aufsichtsperson gerade am Handy rumfummelt, springen die Kleinen gerne in Pfützen oder grübeln im Matsch herum... Die Eltern sind überfordert mit der Dauerpräsenz, die eine Komplettüberwachung fordert, dabei wären die Kleinen durchaus in der Lage, ihrem Alter entsprechend ihren Freiraum selber zu verwalten...Wenn wir sie lassen und sie entsprechend anleiten...

In Annamarias Workshop zu Montessoris „Übungen des täglichen Lebens“ wurde wunderschön erlebbar gemacht wie man die Kinder auf Unabhängigkeit vorbereitet. Auf verschiedenen Tablaren waren Porzellantässchen und –krüge, Teesiebchen und Reiskörner, bunte Knöpfe, Stecknadeln, Pinzetten und Salzstreuer sauber angeordnet. Man musste Reis vom einen Töpfchen ins andere löffeln, ohne etwas zu verstreuen. Man durfte Tee servieren und Knöpfe mit der Pinzette nach Farben sortieren. Wichtig dabei ist, mit zerbrechlichen Gegenständen zu arbeiten. Erfahrungen sind umso eindrucksvoller, wenn’s auch mal scherbelt.

Die Übungen wurden uns wortlos vorgezeigt, wir ahmten nach und stellten als Erwachsene fest wie anspruchsvoll so ein Schuhbinde-Prozess doch sein kann. Unzählige einzelne Bewegungen, die sich zu einem komplexen Ablauf zusammenfügen, so dass die Schuhe am Ende an den Füssen halten...

Motorik, die geschult wird, um später eine Schere zu halten, Zwiebeln zu hacken, Winterjacken zu schliessen, einen Liebesbrief zu schreiben.
Nicht jeder wird als Erwachsener Superstar und hat einen Privatkoch oder seine persönliche Sekretärin.... Täglich vorgezeigt und geübt, sind es kleine Schritte in Richtung Unabhängigkeit, Selbstverantwortlichkeit und Achtsamkeit, ein Ballett der alltäglichen Verrichtungen, unabhängig von Elektronik. Und wenn’s Kinder bekanntlich mal gepackt hat, dann entwickeln sie nicht selten eine verblüffende Beharrlichkeit, die Berge versetzt....
Als Erwachsener muss man über seine Handlungen nachdenken, um sie dann schrittchenweise vorzuzeigen. Und das alles ohne Worte. Man kann sich das „an eine Wand schnorren“ für einmal sparen. Konzentrierte Stille in einer lauten Welt.

Es ist streng, Vorbild zu sein. Doch wie sagte es Maria Montessori so schön: Erziehung ist Vorbild sein und sonst nichts als Liebe!

Danke, Annamaria, für den lehrreichen Morgen.

Eure Frau Fuchs